Erster Sieg seit dem Comeback: Stolp gewinnt in Spa vom Start weg – Zunker dreht sich aufs Podium
Manchmal entscheidet sich ein Rennen über Strategie, manchmal über Reifenmanagement – und manchmal schlicht in Kurve eins. Beim Großen Preis von Belgien genügte Tobias Stolp ein sauberer Start, um aus dem Chaos um ihn herum Kapital zu schlagen. Während Polesetter Tobias Zunker und gleich drei weitere Piloten schon auf den ersten Metern in Kollisionen verwickelt wurden, übernahm Stolp die Führung und gab das Rennen anschließend nicht mehr aus der Hand. Philipp Kruse machte mit einer konsequenten Einstopp-Strategie Platz zwei klar. Und Zunker? Der Audi-Pilot kämpfte sich vom Ende des Feldes zurück und erbte nach den Entscheidungen der Rennkommission sogar noch Rang drei.
Dabei hatte zunächst alles nach einem Duell zwischen Zunker und Stolp ausgesehen. Der Audi-Pilot hatte sich die Pole Position gesichert, neben ihm lauerte der Rekordweltmeister. Dahinter gingen Peter Hristov, Bastian Boll, Philipp Kruse und Christian Boll ins Rennen. Doch noch bevor sich das Feld durch La Source sortiert hatte, war von dieser Reihenfolge kaum etwas übrig.
Den Anfang machten Stefan Schubert und Thomas Langner. Noch vor Kurve eins kamen sich beide zu nahe, drehten sich und verloren jeweils den Frontflügel. Für Schubert kam ein Aufhängungsschaden hinzu, beide mussten bereits nach wenigen hundert Metern zur Reparatur abbiegen. Schubert kassierte später außerdem fünf Strafsekunden für seine Boxeneinfahrt.
Nur Augenblicke später erwischte es die Spitzengruppe: Bastian Boll verlor beim Herausbeschleunigen in La Source die Haftung an der Hinterachse, traf den Polesetter Zunker und drehte ihn weg. Im nachfolgenden Getümmel wurde auch Rolando Tejeda nach einer Berührung mit Daniel Böhme in Mitleidenschaft gezogen. Während Tejeda mit fehlendem Frontflügel an die Box musste, verlor Zunker rund 16 Sekunden und fand sich am Ende des Feldes wieder. Der große Gewinner des Chaos hieß Tobias Stolp. Plötzlich lag freie Strecke vor dem Alpine – und Stolp machte daraus ein Rennen, das unspektakulärer kaum hätte aussehen können. Aber genau darin lag seine Stärke.
Während hinter ihm noch sortiert wurde, setzte sich Stolp an der Spitze ab. Auf den Medium-Reifen spulte er konstant seine Runden ab, hielt die Zeiten im Bereich von 1:43 Minuten und führte bis zu seinem Boxenstopp in Runde 16 praktisch unbedrängt.
Mehr Bewegung gab es dahinter. Bastian Boll und Christian Boll waren die ersten Profiteure des Startchaos und lagen nach Runde eins auf den Positionen zwei und drei. Auch Stefano Papia erwischte einen starken Auftakt und katapultierte seinen Alpine von Startplatz elf bis auf Rang sechs, konnte diese Position gegen Jürgen Bechtel, Daniel Böhme und Johann Asanger aber nicht lange verteidigen.
Vor allem Philipp Kruse arbeitete sich derweil Schritt für Schritt nach vorne. Vom fünften Startplatz zunächst hinter den beiden Mercedes einsortiert, ging der Racing-Bulls-Pilot in Runde sechs an Christian Boll vorbei. In Runde zehn gelang ihm auch der Platztausch mit der Speerspitze seines ehemaligen Arbeitgebers, und fand sich schließlich auf Platz zwei wieder. Als Stolp stoppte, durfte Kruse sogar kurz Führungsluft schnuppern.
Sein Rezept für den restlichen Abend war denkbar einfach: ein Stopp, 16 Runden Medium, anschließend Soft bis ins Ziel. Selbst die nachträglichen fünf Strafsekunden für seine Boxeneinfahrt konnten ihm nichts mehr anhaben. Der Vorsprung auf die Verfolger war groß genug – und Platz zwei bedeutete zugleich sein bestes Saisonergebnis.
Bastian Boll wählte dagegen den offensiveren Weg. Der Mercedes-Pilot kam bereits in Runde zehn als erster Fahrer aus der Spitzengruppe an die Box und fiel zunächst bis auf Rang neun zurück. Auf frischen Softs zeigte Boll anschließend, welches Tempo in seinem Mercedes steckte. Seine 1:40,480 blieb lange die schnellste Runde des Rennens.
Der Preis dafür war ein zweiter Stopp. Boll musste sich erneut durch das Feld arbeiten, hatte sich aber ab Runde 24 wieder auf Platz drei festgesetzt. Auf der Strecke brachte er das Podium anschließend souverän nach Hause – zumindest zunächst.
Denn die Szene aus der ersten Runde war noch nicht erledigt. Die Rennkommission bewertete den Kontakt mit Zunker nachträglich und belegte Boll mit 15 Strafsekunden. Aus Platz drei wurde Rang sieben. Besonders bitter: Ausgerechnet Zunker sollte dadurch den verlorenen Podestplatz erben.
Denn während Stolp an der Spitze kontrollierte, lieferte Zunker die eigentliche Aufholjagd des Abends. Nach dem Dreher in La Source musste der Mann von der Pole plötzlich aus dem hinteren Mittelfeld angreifen. Bis zum ersten Boxenstopp in Runde elf hatte er sich immerhin auf Rang acht zurückgearbeitet.
Auf den Soft-Reifen folgte die stärkste Phase des Audi-Piloten. Zwischen Runde 16 und 21 schob sich Zunker von Position neun bis auf Rang drei nach vorne und brannte dabei konstant Zeiten um 1:41,7 und 1:41,8 Minuten in den Asphalt. Selbst der zweite Reifenwechsel in Runde 24 warf ihn nur noch bis auf Rang sieben zurück.
Zwei Runden später setzte Zunker mit einer 1:40,065 schließlich auch die schnellste Rennrunde. Im Ziel fehlten ihm als Viertem 23,230 Sekunden auf Stolp – gerade einmal eine halbe Sekunde lag er vor Peter Hristov. Durch Bolls nachträgliche Strafe wurde daraus schließlich doch noch Platz drei. Ein Podium, das nach den ersten Metern des Rennens kaum noch möglich schien.
Hinter der großen Aufholjagd Zunkers entwickelte sich ein enges Duell um die weiteren Plätze. Peter Hristov erlebte im einzigen Ferrari einen vergleichsweise hektischen Abend. Von Startplatz drei aus entwickelte sich sein Kampf mit Christian Boll zum echten Zuschauermagneten des Rennens. Über die gesamte Renndistanz hinweg lieferten sich die beiden Piloten einen beinharten Rad-an-Rad-Kampf, bei dem die Positionen mehrfach hin und her wechselten. Inklusive Schreckmoment: Beim Versuch von Christian Boll, an Hristov vorbeizugehen, kam es zu einer brenzligen Situation an der schnellsten Stelle der Strecke. Hristov wechselte zur Verteidigung kurz hintereinander die Spur. Christian Boll verlor bei hohem Tempo kurzzeitig die Kontrolle, reagierte jedoch geistesgegenwärtig, fing seinen ins Rutschen geratenen Mercedes spektakulär ab und hielt das Fahrzeug auf der Strecke.
Am Ende fehlten den Streithähnen gerade einmal eine halbe Runde um Zunker zu verteidigen. 0,5 Sekunden hinter dem Weltmeister, aber immerhin 1,2 Sekunden vor Christian Boll, der nach seinem hervorragenden Start lange in Podiumsnähe unterwegs gewesen war, sah das einzig startende springende Pferd die Zielflagge schließlich als vierter. Zwischen den Plätzen drei und fünf lagen nach 33 Runden gerade einmal 1,7 Sekunden – näher kamen sich die Verfolger an diesem Abend kaum.
Johann Asanger brachte den ersten McLaren auf Rang sechs ins Ziel. Von Startplatz neun aus hielt er sich aus den größeren Problemen heraus und absolvierte einen jener unauffälligen Rennabende, die am Ende zuverlässig Punkte bringen. Dahinter wurde Bastian Boll nach seiner Strafe als Siebter gewertet.
Auch Daniel Böhme musste nach dem turbulenten Auftakt zunächst Schadensbegrenzung betreiben. Nach seinem Kontakt mit Tejeda war der Williams-Pilot auf Rang neun zurückgefallen, arbeitete sich über die Distanz aber wieder nach vorne. Eine nachträgliche 15-Sekunden-Strafe für den Zwischenfall in der Startphase kostete Zeit, nicht aber die Position: Der Abstand nach hinten war groß genug, um Rang acht zu behalten.
Jürgen Bechtel hätte näher dran sein können. Der McLaren-Pilot war lange auf einem soliden Punktekurs unterwegs, schlug jedoch ausgerechnet in Runde 32 noch einmal ein und beschädigte sich die Aufhängung. Mehr als zehn Sekunden gingen allein im zweiten Sektor verloren. Rang neun rettete Bechtel trotzdem über die Ziellinie.
Stefano Papia komplettierte im zweiten Alpine die Top Ten. Nach seinem starken Start wurde es für ihn zunehmend einsam, ehe er das Rennen knapp eine Minute hinter Sieger Stolp beendete. Jörn Dreier folgte im Aston Martin auf Platz elf und hielt diese Position ab Runde 19 bis ins Ziel.
Für Stefan Schubert und Thomas Langner ging es nach ihrem gemeinsamen Missgeschick auf den ersten Metern dagegen nur noch darum, das Rennen überhaupt zu Ende zu bringen. Beide absolvierten jeweils zwei Stopps und sahen die Zielflagge mit einer Runde Rückstand. Schubert wurde Zwölfter vor Langner.
Der einzige Fahrer, der Spa nicht beendete, war Rolando Tejeda. Nach dem Kontakt mit Böhme und dem Reparaturstopp in der ersten Runde versuchte sich der Audi-Pilot auf harten Reifen noch einmal zurückzukämpfen und hatte sich bereits bis auf Rang zwölf vorgeschoben.
Doch in Runde neun folgte der nächste Rückschlag. Weitere Einschläge und erneute Probleme mit der Aufhängung bedeuteten das endgültige Aus. Während Teamkollege Zunker später noch auf das Podium zurückkehren sollte, blieb Tejeda nur die Nullnummer.
Und genau dieses Podium könnte im Titelkampf noch enorme Bedeutung bekommen. Kai Engelsiepen musste den Lauf in Spa gesundheitlich bedingt auslassen – ausgerechnet an einem Wochenende, an dem die Konkurrenz kräftig punktete.
Zunker verkürzte seinen Rückstand mit Platz drei und der schnellsten Rennrunde von zuvor 24 auf nur noch acht Punkte. 172 zu 164 lautet der Stand nach neun Saisonläufen. Noch größer war der Sprung für Rennsieger Stolp: Mit nun 152 Punkten liegt der Rekordweltmeister nur noch 20 Zähler hinter Engelsiepen.
Damit ist aus dem bislang vor allem zwischen Engelsiepen und Zunker ausgetragenen Titelkampf plötzlich ein Dreikampf geworden. Ein einziges Rennergebnis trennt die ersten drei der Fahrerwertung.
Dahinter bleibt Bastian Boll trotz seines strafbedingt verlorenen Podiums auf Rang vier, während Peter Hristov weiter Druck macht. Johann Asanger führt das zweite Tabellendrittel an. Besonders eng wird es dahinter: Rolando Tejeda, Christian Boll und Philipp Kruse liegen nach Spa nur vier Punkte auseinander – wobei Kruse mit seinem zweiten Platz ausgerechnet zum richtigen Zeitpunkt sein bestes Saisonresultat eingefahren hat.
Am Ende folgte Spa damit einer erstaunlich einfachen Regel: Wer das Chaos von La Source unbeschadet überstand, hatte schon die halbe Miete. Tobias Stolp machte daraus ein nahezu fehlerfreies Rennen und einen ungefährdeten Sieg. Philipp Kruse bewies, dass manchmal die einfachste Strategie die beste ist. Und Tobias Zunker verwandelte einen Dreher in Kurve eins, Platz elf nach der ersten Runde und zwei Boxenstopps noch in ein Podium.
Vor allem aber hat Spa den Titelkampf neu sortiert. Acht Punkte liegen noch zwischen Engelsiepen und Zunker, 20 zwischen Platz eins und drei. Ausgerechnet an einem Wochenende, an dem der WM-Führende selbst nicht eingreifen konnte, ist die Meisterschaft damit enger geworden als je zuvor in dieser Saison.
Rennergebnis, WM-Stand und Live-Stream
Der WM-Stand ist hier zu finden
Falls ihr das Rennen verpasst habt könnt ihr den Stream hier nochmal angucken:
