Stippvisite in Europa – Engelsiepen ringt Stolp nieder – Zunker und Boll mit Rückschlägen

Mit dem vierten Saisonlauf kehrte die formel1-liga.de nach dem Überseeauftakt zum ersten mal im Jahr 2026 in das historische Kerngebiet des Zirkusses ein. Und nicht nur da, sondern gleich in die Wiege der Formel 1-Weltmeisterschaft in Silverstone. Vor dem Start war die Ausgangslage in der Gesamtwertung von Spannung geprägt: Nachdem Bastian Boll in Bahrain ein wenig Federn lassen musste, reiste Tobias Zunker als Führender an, während Tobias Stolp und Kai Engelsiepen mit minimalem Rückstand auf den Titelverteidiger dahinter lauerten.


Der Rennabend entwickelte sich zu einem technischen Belastungstest, bei dem der Abrieb der Reifen und das Management der Dirty Air im Duell zwischen der strategischen Übermacht der Scuderia Ferrari und dem Einzelkämpfer Tobias Stolp im Vordergrund standen. Das bessere Ende hatte Kai Engelsiepen auf seiner Seite, der sich in einem faszinierenden Duell über 39 Runden gegen den Rekordweltmeister durchsetzen konnte. Peter Hristov komplettierte als Dritter das Podium und sorgte für einen nahezu perfekten Rennabend im Hause Maranello. 

Bereits im Qualifying deutete sich an, dass die gewohnte Hierachie an diesem 24. April Risse bekommen würde. Denn das Zeittraining offenbarte eine Leistungsdichte, wie sie die formel1-liga.de lange nicht gesehen hat. Gerade einmal sechs Zehntel trennten in Q1 die neun Fahrer zwischen Platz zwei und Platz zehn voneinander. Erst zwischen Christian Boll, der das letzte Ticket für Q2 lösen konnte, und Stefano Papia auf Platz 11 ging die Lücke etwas weiter auf. Einziger Ausreißer an der Spitze: Die Spitze. Audi-Werkspilot Tobias Zunker blieb in beiden seiner Versuche als einziger Pilot unter der Marke von 1:24. Um mehr als drei Zehntel Sekunden distanzierte er den zweimaligen Saisonsieger Kai Engelsiepen und dessen Teamkollegen Peter Hristov auf Platz drei. Logisch, dass die Pole-Position nur über den Weltmeister gehen konnte. Oder? Klar, dass es nicht noch enger würde zugehen können in Q2, oder? Oder? Nein! Mit dem Sessionwechsel verlor Zunker vollständig seinen Rhythmus und beendete seinen ersten Run „nur“ auf der dritten Position. Geschlagen von Namensvetter Tobias Stolp und Kai Engelsiepen. Und während Stolp seine Bestzeit im zweiten Versuch um die Winzigkeit von 41 Tausendstel verbessern konnte, blieb Zunkers Zeit aus dem ersten Versuch stehen. Zunächst einmal verlor er damit seinen dritten Startplatz an Bastian Boll. Und als die Zeit bei Peter Hristov nur sechs Tausendestel später anhielt als bei Stolps zweitem Versuch, fiel Zunker sogar auf die 5. Position zurück. Erstmals seit dem Großen Preis von Malaysia 2022 (!) musste Zunker damit einen Startplatz außerhalb der ersten beiden Startreihen einnehmen. Wie wichtig die minimale Verbesserung von Stolp im zweiten Run war, zeigte sich unterdessen nicht nur am Abstand zu Hristov, sondern auch an dem zu Kai Engelsiepen. Denn der Essener verbesserte sich im weiteren Verlauf des Qualifyings ebenfalls und blieb nur 23 Tausendstel hinter der Pole-Zeit zurück. Startplatz drei. Bastian und Christian Boll nahmen Zunker derweil in der Startaufstellung ins Sandwich. Der starke Daniel Böhme fuhr mit einem Vorsprung von 2 Tausendstel auf Philipp Kruse auf den siebten Startplatz. Die fünfte Reihe ging an Rolando Tejeda im Audi und den Österreicher Johann Asanger, der in seinem McLaren auf Platz zehn seinerseits nur etwas mehr als 5 Zehntel auf die Pole-Zeit einbüßte. Enger als in Q1 geht es nicht? Denkste.

So vielversprechend die Qualifikation alle Zutaten für ein enges Rennen anrichtete, so jäh waren die Hoffnungen des Mercedes-Teams auf eine gute Platzierung im Rennen vernichtet. Rolando Tejeda und Christian Boll gerieten im Startgetümmel unglücklich aneinander und zogen bei ihrer Kollision eine Schneise der Verwüstung durch die Spitzengruppe. Schon nach drei Kurven konnten sich die unveränderten Top drei über eine Lücke zum Rest des Feldes freuen, weil Rolando Tejeda bei seinem Flug durchs Feld Halt ausgerechnet im zweiten Mercedes von Bastian Boll fand. Davon profitierte zunächst einmal Zunker, der damit eine Position gewann. Größer Gewinner der Startphase war indes Johann Asanger. Der ließ in Runde eins Kruse und Böhme hinter sich, gewann die drei Positionen gegen die Bolls und Tejeda und fand sich am Ende der ersten Runde auf Platz fünf wieder. Auch für Papia ging es um vier Positionen auf Platz sieben nach vorne, während sich Christian Boll auf Platz acht einsortierte. Philipp Kruse erwischte einmal mehr einen schwachen Start und kehrte trotz des Trubels um ihn herum nur als Neunter aus der ersten Runde zurück, während Stefan Schubert die TOP 10 komplettierte. Bastian Boll und Rolando Tejeda kollidierten insgesamt sogar zweimal in der Startphase, so dass sie sich noch hinter Ragland, Dreier und Langner am Ende des Feldes wiederfanden.

Tobias Zunker gelang es unterdessen nicht, die Zeiten der TOP 3 zu covern. In einem seltsam passiv anmutenden Rennen musste er ein Geschenk annehmen, dass ihn Peter Hristov in der fünften Runde überreichte. In der Dirty Air des Spitzenreiters ritt der Zweitplatzierte Bulgare in Chapel aus und drehte sich auf der Hangar-Straight, was ihm nicht nur die Position gegen Engelsiepen und Zunker kostete, sondern ihn sogar auf die sechste Position zurückwarf. Aus dem Trio an der Spitze wurde so ein Duell Mann gegen Mann, wie es in der formel1-liga.de zwischen Engelsiepen und Stolp lange Usus, aber genauso lange nicht mehr zu sehen war. Zunker richtete sich in der Folge in einem Abstand von etwa drei Sekunden dahinter ein, während Ragland und Christian Boll kurz nacheinander an derselben Stelle (The Loop) bewiesen, wie kniffelig das Reifenmanagement im Laufe des Abends noch werden könnte.

Zu einem Strategiegefecht, wie noch zwei Wochen zuvor in Bahrain kam es diesmal jedenfalls nicht. Johann Asanger und Rolando Tejeda entschieden sich bereits in Runde 12 für einen Boxenstopp – Asanger, weil er auf Soft gestartet war, Tejeda, weil er seine im Startgetümmel beschädigten Reifen ablegen wollte. Engelsiepen öffnete sich so ein Fenster für einen Undercut gegen Stolp, auch weil er erfolgreich darauf setzen konnte, dass Asanger und Tejeda eine Kettenreaktion im Mittelfeld auslösen musste. Der Undercut war indes zunächst nicht erfolgreich, denn trotz der frischeren Reifen am Ferrari, blieb Stolp auch nach seinem Stopp eine Runde später zunächst vorne. Auch Hristov stoppte gleichzeitig mit dem Alpine, so dass nur noch Zunker vorne und Bastian Boll, zwischenzeitlich auf Platz zwei gespült mit ihrem ersten Reifensatz unterwegs waren. Und gerade als es aussah als würde der Mercedes seinem WM-Konkurrenten im Audi mit einem Kampf gegen die bereits gestoppten Spitzenreiter des ersten Stints eine Trumpfkarte für die Einstopp in die Hand spielen, bohrte der WM-Spitzenreiter seinen Audi ausgangs Luffield in die Barriere. Zunker büßte seinen Frontflügel ein, so dass ein zusätzlicher Halt bei seiner Crew obligatorisch wurde. Bis er den Boxeneingang erreicht hatte, waren Stolp und Engelsiepen – um den zwischenzeitlich ebenfalls gestoppten Mercedes erleichtert – bereits aufgelaufen. Aber in anderer Reihenfolge. Denn exakt dort, wo Zunker seinen Frontflügel den Marshalls überließ boten 20 Sekunden später die beiden prägenden Figuren der formel1-liga.de der letzten zehn Jahre ein unfassbares Duell um die virtuelle Führung – mit besserem Ausgang für den zweimaligen Saisonsieger. Vor Copse hatte Engelsiepen seinen Rivalen im Alpine niedergerungen und damit die Führung übernommen.

Doch wie schon im ersten Stint erst Hristov und dann Engelsiepen gegen Stolp, ließ sich der neue zweite nicht aus dem DRS-Fenster des Führenden schütteln. Und so ging das Duell Mann gegen Mann um den Sieg in die zweite Runde. Alle anderen möglichen Sieganwärter konnten nicht mehr eingreifen. Peter Hristov wurde durch die Fehler von Daniel Böhme, er verschätzte sich beim Angriff auf Johann Asanger vor ihm, und Tobias Zunker und den Boxenstopp von Johann Asanger wieder auf den dritten Platz nach vorne gespült und blieb dort mit einem Respektabstand zur Spitze von etwa sieben Sekunden bis zum Schluss. Philipp Kruse im Racing-Bulls blieb nach seiner schwachen Startphase fehlerfrei und mauerte sich ebenfalls um etwa zehn Sekunden abgeschüttelt im Niemandsland des Feldes auf Platz vier ein.

Tobias Zunkers Aufholjagd endete so auf dem fünften Platz, knapp vor seinem Teamkollegen Rolando Tejeda, und Johann Asanger dessen Leiden unter technischen Problemen im Hardware-Bereich auch im vierten Saisonrennen anhielten und seine Aussichten auf eine Topplatzierung verhagelten. Während Zunker mit 11 weiteren WM-Punkten zumindest ein Hauch von Schadensbegrenzung gelang, erlebten beide Bolls auch nach dem Startchaos einen Abend zum vergessen, der seinen letzten Höhepunkt in einem spektakulären Dreher in Stowe-Corner in der Schlussrunde fand. Schon in Runde 24 hatte Boll im Duell mit Tobias Zunker seinen Mercedes an derselben Stelle verloren, wie schon zuvor Peter Hristov. Der letzte Akt des Rennen endete sogar in einer Kollision mit dem direkt hinter ihm fahrenden Daniel Böhme, die dem Mercedes Platz acht und den Frontflügel kostete. Der Williams-Fahrer geriet unverschuldet in die Flugkurve des strauchelnden Silberpfeils und spielte unfreiwillig Rasenmäher, was kurzzeitig zu Konfusion in den Ergebnis-Anzeigen führte. Letztlich aber wurde der Routinier als Achter gewertet und belohnte sich mit seinem besten Saisonergebnis für ein ordentliches Rennen. Ordentlich zu feiern gab es schlussendlich auch für die Aston-Martin-Crew: Beim Heimspiel schloss Stefan Schubert zum erstenmal seit dem Saisonauftakt 2025 ein Rennen innerhalb der Top 10 ab und spülte so ordentlich Punkte auf das Konto der Truppe aus Silverstone, die damit in der Team-WM zumindest Williams hinter sich halten konnte. Dabei mitgeholfen hat auch der 13. Platz von Jörn Dreier, der Thomas Langner bei seinem Saisondebüt für RedBull hinter sich ließ. Zwischen beiden Aston-Martins sah Christian Boll die Zielflagge als Elfter. Stefano Papia wurde Zwölfter. Einziger Ausfall war Kenneth Ragland im Cadillac.

Ganz an der Spitze indes musste Tobias Stolp seine erste Angriffswelle gegen Kai Engelsiepen ohne Feldgewinn ziehen lassen. Zwar zeigte sich der Rekordchampion im Laufe des zweiten Stints öfter mal bedrohlich groß im Spiegel des Ferrari vor ihm, zu ernsthaften Attacken kam es jedoch nicht. Anders als Engelsiepen zuvor, versuchte sich Stolp auch nicht an einem Undercut bei seinem zweiten Stopp – schon alleine deshalb, weil die Ferrari-Crew die erste sinnvolle Gelegenheit für den Reifenwechsel selbst zu nutzen wusste. Doch anstatt das Risiko einzugehen, aus dem DRS-Fenster herauszufallen und den verlorenen Boden mit frischeren Reifen wieder zuzufahren, steuerte der Alpine zeitgleich mit dem Ferrari ein zweites mal seine Crew an. Und obwohl der Reifenwechsel bei Stolp zwei Zehntel schneller gelang als bei Ferrari, lenkte Engelsiepen sein Fahrzeug gerade noch vor dem Alpine in die letzten 13 Runden des Rennens. Wie ein Schatten folgte der Rückkehrer dem Spitzenreiter bis in die Schlussphase hinein, um in der letzten Runde noch einmal zur Attacke zu blasen…  nur um diese prompt wieder absagen zu müssen. Noch bevor sich der Alpine-Pilot auf der Hangar-Straight in eine Angriffsposition saugen konnte, verlor er in der Dirty-Air der legendären Essess zu viel Zeit auf seinen Kontrahenten, so dass Engelsiepen seinen dritten Siegerpokal des Jahres, verbunden mit der Führung in der Fahrer-WM in Empfang nehmen durfte. Engelsiepen erlebt damit den krönenden Abschluss eines nahezu perfekten Saisonauftakts, nur getrübt durch seinen Ausfall in Suzuka.

Denn der harte Schlagabtausch von Silverstone markierte bereits den Abschluss des ersten Saisonviertels der 25. Saison in der formel1-liga.de. Zeit für ein kurzes Zwischenfazit: Die Rennen haben sich verändert. Wenn Silverstone diesen Beweis auch schuldig geblieben ist, die Rennen werden nicht mehr nur über den reinen Speed gewonnen, sondern auch über die Strategie. In allen vier Rennen waren sowohl Einstopp- als auch Zweistoppansätze grundsätzlich siegfähig. Weiterer Faktor: Fehlervermeidung. Keiner der Spitzenreiter hat sich im ersten Saisonviertel schadlos gehalten. Am ehesten noch Tobias Stolp. Auch dieser Konstanz verdankt der Rekord-Champion in seiner Comeback-Saison den zwischenzeitlichen zweiten Platz in der Fahrermeisterschaft. Engelsiepens Patzer in Japan war der teuerste, dafür aber auch sein einziger. Alle drei weiteren Rennen entschied der Doppelweltmeister für sich, auch weil Tobias Zunker zu Beginn des Jahres 2026 zu oft in alte Muster zurückverfällt. Dem Audi-Piloten passieren zu viele leichte Fehler. Gemessen an der Tatsache, dass sein Name in den Hotlap-Listen bei drei von vier Rennen des Jahres ganz oben auftaucht, hat sich der Titelverteidiger zu Saisonbeginn unter Wert geschlagen. Trotzdem trennen die Top drei nach den ersten vier Rennen gerade einmal zehn Punkte, und das in einem Feld das insgesamt sehr eng zusammengerückt ist. Wie schwer schlechte Rennabende unter diesen Umständen wiegen können, erlebte Bastian Boll zuletzt zweimal hintereinander. Aus den ersten beiden Rennen noch Punktgleich mit der Spitze zurückgekehrt, büßte der Mercedes-Fahrer in den folgenden Läufen 23 Zähler auf die Spitze ein. Er steht in Jeddah damit schon unter besonderem Druck ein gutes Resultat zu erzielen, um den Anschluss an das Spitzentrio nicht zu verlieren. Denn hinter ihm hat sich auch Peter Hristov inzwischen von seinem farblosen Saisonauftakt erholt und die Lücke auf neun Punkte verkürzt.

Wie es weitergeht sehen wir am 08. Mai in Jeddah.

Rennergebnis, WM-Stand und Live-Stream

Der WM-Stand ist hier zu finden

Falls ihr das Rennen verpasst habt könnt ihr den Stream hier nochmal angucken: