Rot ist das neue Dominant – Engelsiepen gewinnt erneut und baut WM-Führung aus – Stolp und Zunker dahinter

Kai Engelsiepen hat in Dschidda einmal mehr unter Beweis gestellt, warum Ferrari derzeit das Maß der Dinge ist: Mit kontrollierter Aggressivität, strategischer Cleverness und nahezu fehlerfreiem Stint-Management raste der Tabellenführer zu seinem vierten Sieg im fünften Saisonrennen.


Fast sechs Sekunden trennten den neuen Abonnement-Sieger am Ende von Rekordweltmeister Tobias Stolp auf Platz zwei. Doch trotz der spektakulären Kulisse des ultraschnellen Jeddah Corniche Circuit blieb der Große Preis von Saudi-Arabien über weite Strecken hinter den Erwartungen zurück, die man gewöhnlich an ein Stadtrennen knüpft. In einem Rennen, in dem sich die Top-Piloten zeitlich nahezu neutralisierten entschied vor allem die Position auf der Strecke über Sieg oder Niederlage – Überholmanöver blieben rar, strategische Unterschiede verpufften oft wirkungslos. Nur in einzelnen Phasen blitzte das Chaos auf, für das Dschidda eigentlich berüchtigt ist. Am Ende stand vor allem eine Erkenntnis im Fokus: Rot ist derzeit nicht nur schnell – rot ist dominant. Und Engelsiepen die heißeste Aktie im Kampf um die WM-Krone 2026.

Nach vier Saisonrennen war klar: Der fünfte Lauf auf dem Jeddah Corniche Circuit würde eine erste echte Standortbestimmung im Titelkampf liefern. Zwischen Kai Engelsiepen, Tobias Stolp und Tobias Zunker lagen vor dem Nachtrennen gerade einmal zehn Punkte – entsprechend groß war die Bedeutung des ultraschnellen Stadtkurses am Roten Meer. Und bereits im Qualifying zeigte sich, wie eng die Spitze zusammengerückt war. Tobias Zunker schnappte sich die Pole Position mit gerade einmal elf Tausendsteln Vorsprung vor Engelsiepen, während Tobias Stolp nach einem Fehler in Turn 3 nur von Rang sechs ins Rennen ging. Vor allem Jürgen Bechtel überzeugte im Qualifying mit einem starken fünften Startplatz, eine Reihe hinter Bastian Boll und Peter Hristov, während Stefano Papia, Stefan Schubert, Jörn Dreier und Thomas Langner bereits im ersten Teil der Qualifikation die Segel streichen mussten.

Beim Erlöschen der Ampeln verteidigte Zunker zunächst seine Führung gegen den drängenden Ferrari von Engelsiepen. Hinter den beiden erwischte Bastian Boll – für ihn unüblich –  keinen optimalen Start und verlor durch Traktionsprobleme direkt mehrere Positionen. Rolando Tejeda musste nach einer Kollision bereits früh an die Box, während Stolp und Stefan Schubert im dichten Mittelfeld einige Plätze gutmachen konnten. Auch Stefano Papia, Thomas Langner und Jörn Dreier lieferten sich bereits in den ersten Umläufen intensive Zweikämpfe, die zumindest in der Anfangsphase noch die typische Dschidda-Hektik aufkommen ließen. Christian Boll hielt sich derweil aus den größeren Zwischenfällen heraus und arbeitete sich unauffällig nach vorne, während Johann Asanger früh mit technischen Problemen zu kämpfen hatte.

Die entscheidende Szene um den Rennsieg spielte sich indes bereits früh ab. In Runde fünf setzte Engelsiepen den Angriff gegen Zunker und übernahm die Führung. Ferrari spielte anschließend seine derzeit wohl größte Stärke aus: strategische Disziplin. Peter Hristov agierte phasenweise als perfekter Schutzschild für seinen Teamkollegen, verwickelte Zunker in Zweikämpfe und kappte damit die DRS-Verbindung zur Spitze. Mehr noch: Kurzzeitig verdrängte der Bulgare den amtierenden Weltmeister sogar von der zweiten Position, so dass Engelsiepen seinen Vorsprung schnell auf etwa fünf Sekunden ausbauen konnte. Er kontrollierte das Rennen anschließend souverän und ließ sich die Führung bis ins Ziel nicht mehr nehmen. Hristov selbst verlor durch einen späteren Dreher und eine unglückliche Reifenwahl zwar Zeit, erfüllte seine taktische Rolle für Ferrari jedoch nahezu perfekt und steuerte mit Platz fünf wieder reichlich Punkte für das Teamkonto bei.

Nach einem hektischen ersten Stint verlor das Rennen in der Folge spürbar an Dynamik. Zwar sorgten die Anfangsrunden mit verschiedenen Strategieversuchen und kleineren Zwischenfällen zunächst noch für Bewegung, doch spätestens im zweiten Renndrittel stabilisierte sich das Feld zunehmend. Vor allem an der Spitze neutralisierten sich die Topfahrer praktisch gegenseitig: Die Pace-Unterschiede waren minimal, Überholfenster entstanden kaum noch und selbst frische Reifen brachten nur selten den erhofften Vorteil. Die Abstände pendelten sich dadurch über viele Runden in nahezu identischen Bereichen ein – Positionen und Zeitlücken wirkten regelrecht eingefroren.

Bis Tobias Zunker sich zum wiederholten Male selbst aus dem Rennen nahm: Der Pole-Setter konnte sich zwar nach einigen Runden vom zweiten Ferrari lösen und in der Folge die Rundenzeiten des Spitzenreiters mitgehen, doch beim Anbremsen der Boxeneinfahrt zum zweiten Stopp verlor er das Heck seines Fahrzeugs, drehte sich und beschädigte dabei den Frontflügel. Ein Fehler mit maximalen Konsequenzen – statt weiter um Rang zwei zu kämpfen, fiel er entscheidend zurück und nahm sich die Chance auf ein besseres Ergebnis praktisch eigenhändig. Profiteur dieser Entwicklung war Tobias Stolp. Trotz Krämpfen in den Händen und körperlicher Erschöpfung hielt der Alpine-Pilot konstant den Anschluss und erbte nach Zunkers Fehler schließlich Rang zwei.

Für den Titelverteidiger blieb damit der dritte Platz als Schadensbegrenzung. Bastian Boll verpasste das Podium nur knapp. Der Mercedes-Pilot überzeugte vor allem im letzten Rennabschnitt mit starker Pace, verlor aber vor allem in der Anfangsphase des Rennens den entscheidenden Boden zur Spitze. Rolando Tejeda betrieb nach seiner frühen Beschädigung starke Schadensbegrenzung und kämpfte sich hinter Hristov auf Platz sechs nach vorne. Jürgen Bechtel brachte seinen McLaren trotz erheblicher Aerodynamikschäden auf Platz sieben in die Punkte, während Philip Kruse sich nach einem intensiven Duell mit Stefano Papia ebenfalls in den Top Ten behauptete. Papia selbst verlor nach einem Mauerkontakt in der hinter Überrundeten eine bessere Platzierung. Jörn Dreier sicherte sich mit der zweiten TopTen-Platzierung der Saison sechs Punkte, direkt vor Teamkollege Stefan Schubert. Thomas Langner kämpfte erneut mit Fahrzeugbalance, hielt das Auto aber immerhin bis ins Ziel und sicherte sich so Platz zwölf.

Für Christian Boll endete das Rennen dagegen besonders bitter. Der Mercedes-Pilot lag während der Boxenstopp-Phase zeitweise sogar in Führung, ehe ihn ein Disconnect abrupt aus dem Rennen riss. Auch Johann Assanger musste das Rennen vorzeitig beenden und wurde erneut von technischen Problemen ausgebremst.

So blieb am Ende vor allem die Erkenntnis, dass Ferrari aktuell nicht nur das schnellste Auto besitzt, sondern Rennen auch strategisch am kontrolliertesten lesen kann. Mit vier Siegen aus fünf Rennen reist Kai Engelsiepen nun als klarer Gejagter nach Kanada – auf eine Strecke, auf der schon kleinste Fehler den WM-Kampf wieder komplett drehen können… die Wall of Champions lässt grüßen.

Rennergebnis, WM-Stand und Live-Stream

Der WM-Stand ist hier zu finden

Falls ihr das Rennen verpasst habt könnt ihr den Stream hier nochmal angucken: