Ein Stopp weniger, ein Sieg mehr: Stolp bezwingt Zunker auf seiner Hassstrecke – Kruse holt drittes Podium in Folge

Ausgerechnet Baku. Die Strecke, die Tobias Stolp nach eigener Aussage am liebsten aus dem Kalender streichen würde, brachte dem Rekordweltmeister seinen zweiten Saisonsieg. Tobias Zunker bewegte über weite Strecken das schnellste Auto im Feld. Stolp setzte dagegen als einziger Fahrer der Spitzengruppe auf nur einen Boxenstopp und brachte am Ende 2,720 Sekunden Vorsprung ins Ziel. Philipp Kruse holte trotz einer Woche ohne Training sein drittes Podium in Folge, allerdings erst, nachdem ihm Rolando Tejeda in der letzten Runde Platz drei zurückgegeben hatte. In der Meisterschaft schrumpft Zunkers Vorsprung auf 16 Punkte. Stolp ist neuer WM-Zweiter.


Im Qualifying deutete wenig auf diese Wendung hin. Zunker sicherte sich die Pole Position mit deutlichem Vorsprung, neben ihm startete Stolp. Reihe zwei teilten sich Kruse und Peter Hristov im einzigen Ferrari. Kruse war nach eigener Aussage die ganze Woche erkältet und hatte erst am Renntag mit dem Training begonnen. Dahinter reihten sich Tejeda, Christian Boll, Johann Asanger, Stefano Papia, Benjamin Nakov und Daniel Böhme ein. Zwischen den beiden Letzteren lag eine einzige Tausendstelsekunde.

Für drei Piloten war bereits in Q1 Schluss. Bastian Boll setzte seinen Mercedes in die Mauer und durfte nach der Rückkehr an die Box nicht mehr hinausfahren. Stefan Schubert beendete seine schnelle Runde ebenfalls mit einem Einschlag. Kenneth Ragland wurde disqualifiziert, weil er die Boxengasse in die falsche Richtung verlassen hatte. Die Kommentatoren vermuteten, dass der Cadillac-Pilot noch die Ausfahrt von Monza im Kopf hatte. Nur 13 Autos nahmen die 38 Runden in Angriff.

Zunker erwischte nur einen mittelmäßigen Start, und Stolp zog an ihm vorbei. Hristov schob sich in Kurve eins an Kruse vorbei, doch der Racing-Bulls-Pilot holte sich Rang drei in der zweiten Kurve außen herum zurück. Trotz aller Befürchtungen kam das gesamte Feld ohne Zwischenfall durch die enge Burgpassage. Die Führung des Alpine hielt allerdings nicht lange. In Runde drei zog Zunker mit offenem DRS vorbei, zwei Umläufe später ging auch Kruse am Rekordweltmeister vorbei.

Zunker kontrollierte das Rennen anschließend mit Zeiten um 1:38 Minuten und lag nach elf Runden 2,8 Sekunden vor Kruse und 4,1 Sekunden vor Stolp. Dahinter ging Tejeda in Runde sechs außen an Hristov vorbei, an einer Stelle im Infield, die eigentlich nicht als Überholpunkt gilt. Für den Bulgaren war es der Auftakt zu einem unruhigen Abend.

Am Ende von Runde zwölf kamen Zunker und Kruse zum ersten Wechsel von Medium auf Soft. Stolp blieb draußen. Auf den gebrauchten Medium-Reifen spulte der Alpine-Pilot bis Runde 19 konstant Zeiten zwischen 1:38,5 und 1:38,8 ab und übernahm die Führung. Danach kam er für seinen einzigen Stopp herein und kehrte als Dritter knapp vor Tejeda auf die Strecke zurück. Sein Plan stand erst seit zwei Tagen. Im Training habe er gemerkt, dass die Hinterreifen bei weniger Lenkeinsatz vielleicht doch halten könnten. Gerade im ersten Sektor sei Zunker zu schnell gewesen, deshalb sei der Einstopper seine einzige Chance auf den Sieg gewesen.

Kurz nach Stolps Stopp half ihm ein Fehler von Kruse. In Runde 20 verlor der Racing Bull im ersten Sektor rund sechseinhalb Sekunden, und Stolp hing auf frischen Softs plötzlich an seinem Heck. In Runde 24 setzte sich der Alpine nach einem Duell über mehrere Kurven durch. Kruse touchierte dabei erneut die Mauer und kam am Ende derselben Runde an die Box. Zunker musste ebenfalls in Runde 24 zu seinem zweiten Stopp. Er führte zu diesem Zeitpunkt mit 11,4 Sekunden vor Stolp, kehrte aber 9,1 Sekunden hinter ihm auf die Strecke zurück. In diesem Moment drehte sich das Rennen: Stolp hatte einen Stopp gespart und die Führung übernommen, Zunker blieben 14 Runden für die Aufholjagd.

Der Titelverteidiger nahm Stolp auf frischen Softs zunächst sechs bis neun Zehntel pro Runde ab. In Runde 32 setzte er mit 1:36,291 die schnellste Rennrunde, nach 33 Runden betrug der Abstand nur noch 4,0 Sekunden. Danach verlor Zunkers Angriff an Tempo. Er holte nur noch Zehntel auf, und in den letzten beiden Runden lag der Zugewinn unter einer Zehntelsekunde. Stolp fuhr auf seinem 19 Runden alten Soft bis zum Schluss Zeiten um 1:37. Für den Fall, dass Zunker noch herankommt, hatte er überlegt, sich von Teamkollege Papia Windschatten geben zu lassen. Das war nicht nötig. Der überrundete Papia ließ den Sieger in der letzten Runde lediglich vorbei.

Zunker erkannte die Niederlage an und nannte den Sieg „hochverdient“. Der Verschleiß an der Hinterachse sei bei ihm extrem gewesen, das Team habe sogar über einen Start auf harten Reifen nachgedacht. Im zweiten Stint habe ihm die Pace aus dem Training gefehlt. Mit 20 Punkten nahm er trotzdem ein solides Ergebnis mit.
Um Platz drei wurde dagegen bis zur letzten Runde gekämpft. Nach den zweiten Stopps lag Tejeda vor Kruse, weil er an der Box 4,2 Sekunden stand, Kruse 4,9. Tejeda konterte einen ersten Angriff mit einem späten Bremsmanöver, in Runde 29 setzte sich Kruse dann durch. Danach bekam der Racing Bull zunehmend Probleme mit dem rechten Hinterreifen, und Tejeda rückte wieder heran. Zu Beginn der letzten Runde ging der Audi-Pilot mit DRS vorbei. In Kurve eins überbremste Kruse und kam quer, wodurch Tejeda einen kleinen Vorsprung gewann. Tejeda ging davon aus, dass er Kruse beim Anbremsen zu stark behindert hatte. Deshalb ließ er ihn vor dem Ziel wieder vorbei, im Ziel trennten die beiden 0,329 Sekunden. Kruse nahm den Fehler im Interview auf seine Kappe und sagte, er schulde Tejeda in einem der nächsten Rennen einen Platz. Für Tejeda bedeutet Rang vier immerhin die Einstellung seines besten Saisonergebnisses.

Die beste Aufholjagd fuhr Bastian Boll. Der Mercedes-Pilot startete nach dem Q1-Unfall von Platz zwölf und kam als Zehnter aus der ersten Runde. In Runde neun schnappte er sich Papia mit Windschatten und DRS. Mit langen Stints schob er sich zwischenzeitlich bis auf Rang zwei vor. Nach seinem zweiten Stopp in Runde 27 hielt er Platz fünf sicher bis ins Ziel, mit 40,834 Sekunden Rückstand auf den Sieger.

Hristov wurde Sechster. Nach mehreren Mauerkontakten drehte sich der Bulgare in Runde elf, verlor den Frontflügel und fiel nach dem Reparaturstopp auf Rang elf zurück. Danach fuhr er sich wieder nach vorne, mit 1:36,472 fuhr er die zweitschnellste Runde des Rennens. In Runde 35 ging er an Böhme vorbei, in Runde 37 an Christian Boll.

Böhme war neben Stolp der zweite Einstopper. Der Williams-Pilot fuhr bis Runde 19 auf Medium und lag während der Stoppphase sogar auf Platz fünf. Am Ende wurde er Siebter. Diese Position erbte er in der letzten Runde von Christian Boll. Der Vater im Mercedes-Duo lag lange auf Rang sechs, verlor diesen kurz vor Schluss an Hristov und schlug in der letzten Runde zweimal in der Mauer ein. Mit beschädigter Aufhängung blieb ihm Rang acht.

Asanger kam als Neunter ins Ziel. Der Österreicher wechselte schon in Runde sechs auf Soft, zog sich kurz darauf einen Aufhängungsschaden zu und fiel bis auf Rang 13 zurück. Mit einem zweiten Stopp in Runde 20 arbeitete er sich wieder in die Top Ten. Papia komplettierte mit einer Runde Rückstand die Top Ten. Der Italiener war nach einem starken Start Siebter, schlug aber in Runde 15 heftig ein und verlor dabei den Anschluss an die Spitzengruppe.

Nakov hatte im Zweikampf mit Asanger um Platz acht das Nachsehen. Der APX-GP-Pilot war als einer von zwei Fahrern auf Soft gestartet. In Runde fünf verlor er beim Anbremsen die Kontrolle über sein Auto, drehte sich und fiel ans Ende des Feldes zurück. Wegen Frontflügelschäden musste er zweimal an die Box und wurde mit einer Runde Rückstand Elfter. Schubert war ebenfalls auf Soft gestartet, beschädigte sich früh die Aufhängung und wurde nach zwei Stopps Zwölfter. Ragland kam als 13. ins Ziel. Nach einem schweren Einschlag in Runde zehn wählte er als einziger Fahrer zwischenzeitlich die harte Mischung und stoppte insgesamt dreimal.

In der WM führt Zunker nun mit 209 Punkten, 16 Zähler vor Stolp mit 193. Kai Engelsiepen fehlte zum dritten Mal in Folge aus gesundheitlichen Gründen und fällt mit 172 Punkten auf Rang drei zurück. Zunker richtete ihm im Interview Grüße aus und sagte, es gebe im Leben Wichtigeres als Sim Racing. Bastian Boll bleibt mit 136 Punkten Vierter vor Hristov mit 125. Kruse und Asanger liegen mit je 95 Zählern gleichauf, Kruse wird dabei Sechster. Dahinter folgen Tejeda mit 86, Christian Boll mit 75 und Böhme mit 61 Punkten. Papia schiebt sich mit 48 Punkten an Jürgen Bechtel vorbei auf Rang elf. In der Teamwertung nahm Audi dem führenden Ferrari-Team mit 33 zu 10 Punkten weitere 23 Zähler ab.

Weiter geht es am 9. Oktober mit dem Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring, dem zwölften von 16 Saisonläufen. Kruse wird dort wegen seines Geburtstags voraussichtlich fehlen. Stolp freut sich auf Strecken mit mehr schnellen Kurven, die seinem Setup besser liegen. Auch Zunker mag die verbleibenden Kurse. Er sieht den Schlüssel darin, seine Rennen fehlerfrei zu Ende zu bringen. Fünf Rennen und 125 Punkte sind noch zu vergeben, 16 davon trennen Zunker und Stolp.

Rennergebnis, WM-Stand und Live-Stream

Der WM-Stand ist hier zu finden

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