Zunker gewinnt aus dem Hinterhalt – McLaren wird zum Königsmacher
Von Startplatz zwölf zum Sieg und an die Spitze der Weltmeisterschaft: Tobias Zunker hat in Monza einen Rennabend erwischt, an dem Strategie mehr wert war als die reine Geschwindigkeit. Während Philipp Kruse und Polesetter Tobias Stolp auf der Zweistopp-Strategie zunächst das Tempo bestimmten, arbeitete sich Zunker mit einem langen ersten Stint geduldig nach vorne. Den entscheidenden Gefallen leisteten ihm ausgerechnet Johann Asanger und Jürgen Bechtel: Die beiden McLaren hielten Kruse und Stolp nach deren zweiten Stopps lange genug auf, um dem Audi-Piloten den nötigen Vorsprung zu verschaffen. Zunker gewann vor Kruse und Stolp – und übernahm damit erstmals in dieser Saison die WM-Führung.
Die unfassbare Fehlerkette des Weltmeisters im Jahr 2026, sie reißt einfach nicht ab. Doch im Gegensatz zu Melbourne (Drive-Through), Silverstone und Montreal (Dreher in Führung liegend), Jeddah (Dreher in der Boxenzufahrt) und Spielberg (Missachtung der Boxeneinfahrtslinie) erwischte es Tobias Zunker auf dem Autodromo di Monza diesmal nicht im Rennen, sondern ausgerechnet in seiner Paradedisziplin im Qualifying. Fünfmal in Folge hatte sich Zunker zuvor die Pole-Position gesichert und danach regelmäßig aussichtsreiche Platzierungen in den Sand gesetzt. Nun scheiterte er nach einem Unfall in Ascari erstmals seit sechs Jahren wieder an der Hürde zu Q2. Und damit sprach vor dem Start eigentlich nichts mehr für einen Zunker-Sieg. Denn die Pole Position hatte sich Tobias Stolp im Alpine gesichert, und neben ihm stand Philipp Kruse im Racing Bull – die beiden Piloten also, die nach der langen Sommerpause am besten wieder aus den Startlöchern kamen. Das beste Qualifying der Saison feierten derweil die beiden McLaren von Johann Asanger und Jürgen Bechtel in Reihe zwei, gefolgt von Daniel Böhme und Bastian Boll.
Peter Hristov musste als wieder einziger Ferrari-Pilot von Position sieben die Fahne für die Scuderia hochhalten, nachdem Kai Engelsiepen weiterhin gesundheitlich verhindert fehlte. Benjamin Nakov stellte seinen APX GP auf Rang acht, Christian Boll folgte auf Position neun.
Für Audi war das Qualifying dagegen gründlich danebengegangen. Denn neben Zunker, der das Rennen von Startplatz zwölf in Angriff nehmen musste, verpasste Rolando Tejeda das Qualifying sogar ganz, so dass er die 40 Runden im königlichen Park als 15. Und letzter unter die Räder nahm. Für die WM-Zweiten in der Team-WM bedeutete das: Statt um die Führung zu kämpfen, mussten sie sich zunächst durch das Mittelfeld arbeiten.
Den ersten Schreckmoment gab es bereits am ersten Bremspunkt. Und wieder unter Audi-Beteiligung. Zunker zog vor dem Bremspunkt zu Kurve eins etwas zu abrupt in die Linie von Andre Priebe, der seinen Red Bull beim Anbremsen leicht verlor und sich in den anderen Audi von Tejeda drehte. Der Zwischenfall ging glimpflich aus, doch Priebe fiel bis zum Ende der ersten Runde auf Position 14 zurück.
Zunker hingegen machte allein im ersten Umlauf drei Positionen gut und lag damit bereits auf Rang neun. Es sollte der Beginn einer Aufholjagd werden, die zunächst unscheinbar verlief…
Vorne verteidigte Stolp zunächst die Führung gegen Kruse. Lange hielt sie allerdings nicht. In Runde sechs setzte der Racing-Bulls-Pilot den entscheidenden Angriff und zog am Alpine vorbei. Kruse übernahm die Spitze und gab fortan das Tempo vor, Stolp blieb jedoch in Schlagdistanz.
Zu diesem Zeitpunkt deutete noch wenig darauf hin, dass keiner der beiden das Rennen gewinnen würde. Souverän setzten sich die beiden Führenden von den McLarens auf den Positionen drei und vier ab und bauten ihren Vorsprung bis zur zehnten Runde bereits auf sieben Sekunden aus.
Im hinteren Feld forderte Monza zwischen Runde neun und 13 dagegen zunehmend seinen Tribut. Stefan Schubert beschädigte sich am Aston Martin die Aufhängung und verlor beim notwendigen Reparaturstopp viel Zeit. Auch Kenneth Ragland und Thomas Langner blieben nicht ohne Feindkontakt und mussten außerplanmäßig an die Box. Benjamin Nakov erwischte es bereits in Runde neun. Der zusätzliche Stopp warf den APX-GP-Piloten aus seinem Rhythmus und kostete den Anschluss ans Mittelfeld. Noch bitterer verlief der Abend für Daniel Böhme. Der Williams-Pilot hatte sich in der Anfangsphase konstant in den Top Fünf gehalten und war damit auf Kurs zu einem starken Resultat, ehe ein Aufhängungsschaden in Runde 13 sämtliche Ambitionen zunichtemachte. Böhme fiel weit zurück – und sein Rennen sollte später noch endgültig kippen.
Während sich das Feld hinter ihnen sortierte, begann an der Spitze das eigentliche Strategiespiel. Kruse kam in Runde 14 als Erster aus der Führungsgruppe zum Reifenwechsel und holte sich frische Softs. Stolp folgte einen Umlauf später und übernahm die Führung in diesem Zweikampf.
McLaren wählte den Gegenentwurf. Asanger und Bechtel zogen ihre Medium-Reifen lange und setzten konsequent auf einen einzigen Stopp. Asanger durfte dadurch in Runde 16 sogar kurz die Führung übernehmen, Bechtel einen Umlauf später. Erst in den Runden 17 und 18 kamen die beiden herein.
Und mittendrin arbeitete sich Zunker immer weiter nach vorne. Ohne die ganz großen Manöver, dafür mit konstantem Tempo und freier Fahrt, rückte der Audi durch die verschiedenen Boxenstoppfenster Position um Position auf. In Runde 18 übernahm Zunker erstmals die Führung. Statt sofort zu reagieren, blieb er draußen und zog seinen ersten Stint bis Runde 21 – länger als jeder andere Fahrer der Spitzengruppe.
Nur Andre Priebe hielt seine Medium-Reifen noch zwei Runden länger am Leben. Nach dem Missverständnis am Start tauchte der Red-Bull-Pilot dadurch zwischenzeitlich sogar auf Rang vier auf, unmittelbar vor den McLaren, ehe ihn sein Stopp in Runde 22 wieder auf Position zehn zurückwarf. Aber im Umlauf zuvor verloren die Papaya-Renner exakt die Zeit, die Zunker vorne brauchte um nach seinem Stopp direkt vor Asanger und Bechtel auf die Strecke zurückzukehren. Nach der Welle der ersten Boxenstopps lag Zunker damit bereits wieder auf Platz drei, rund 16 Sekunden hinter Stolp und Kruse.
Die Entscheidung fiel schließlich nicht durch einen direkten Zweikampf um die Führung, sondern einige Runden später. Stolp kam in Runde 27 zum zweiten Reifenwechsel, Kruse folgte einen Umlauf später. Und wieder klappt der Overcut: Mit den gegensätzlichen Boxenstoppzeitpunkten stellte Kruse die alte Reihenfolge von vor dem Boxenstop wieder her und kam vor Stolp auf die Strecke zurück. Beide verfügten nun über frische Reifen und eigentlich über genügend Geschwindigkeit, um Zunker in der Schlussphase noch einmal unter Druck zu setzen. Eigentlich.
Denn zwischen Zunker und Kruse lagen nach dem Boxenstopp nicht nur acht Sekunden, sondern neben Bastian Boll im Mercedes auch beide McLaren. Asanger und Bechtel waren mit ihrer Einstopp-Strategie auf deutlich älteren Reifen unterwegs, hatten aber genau das, was in Monza besonders wertvoll sein kann: Track Position und ein gekonntes Teamplay.
Nachdem Bastian Boll seinen zweiten Stopp erst in Runde 30 einlegte hing Kruse zwischen Runde 30 und 34 auf Rang vier hinter den beiden McLaren fest, Stolp unmittelbar dahinter auf Position fünf. Die beiden schnelleren Zweistopper verloren genau jene Sekunden, die sie eigentlich für den Angriff auf Zunker gebraucht hätten. Bechtel lag nach dem Boxenstopp-Zyklus zeitweise sogar auf Rang zwei und wurde damit unfreiwillig zum wichtigsten Helfer des Audi-Piloten. Während sich seine Verfolger lange an den McLaren abarbeiteten, konnte der Weltmeister vorne genau den Puffer aufbauen, den er für die letzten Runden brauchte.
In Runde 30 bog Bastian Boll an die Box ab und fiel ebenfalls hinter die einstoppende Konkurrenz, namentlich Rolando Tejeda zurück. Zehn Runden blieben ihm anschließend, doch auch auf frischeren Reifen fand der Mercedes keinen entscheidenden Weg mehr nach vorne. Rang sieben war am Ende deutlich weniger, als zwischenzeitlich möglich schien.
Kruse brauchte derweil bis Runde 36, um sich endgültig aus dem McLaren-Paket zu befreien und auf Platz zwei vorzufahren. Dass der Racing Bull zu diesem Zeitpunkt vermutlich das schnellste Auto auf der Strecke war, bewies er zwei Runden später eindrucksvoll: Mit einer 1:18,444 holte sich Kruse die schnellste Rennrunde.
Für den Sieg kam die Attacke jedoch zu spät.
Zunker kontrollierte seinen Vorsprung und brachte nach 40 Runden 4,412 Sekunden zwischen sich und Kruse über die Linie. Für den Racing-Bulls-Piloten bedeutete Rang zwei dennoch das zweite Podiumsresultat in Folge und die endgültige Bestätigung seines derzeitigen Formhochs.
Stolp komplettierte das Podium weitere zweieinhalb Sekunden dahinter. Für den Polesetter dürfte Rang drei dennoch einen leicht bitteren Beigeschmack gehabt haben: Die Geschwindigkeit für mehr war vorhanden, doch die Strategie und der Verkehr nach dem zweiten Stopp machten einen Angriff auf Zunker unmöglich.
Für McLaren zahlte sich das Risiko dagegen aus. Johann Asanger brachte seine Einstopp-Strategie auf einem starken vierten Platz ins Ziel. Jürgen Bechtel folgte auf Rang fünf.
Bechtel hatte nach den Stopps der Zweistopper zwischen Runde 30 und 35 sogar auf Position zwei gelegen. Gegen Kruse und Stolp waren die alten Reifen in der Schlussphase zwar nicht mehr zu verteidigen, doch genau dieser Widerstand hatte maßgeblichen Anteil daran, dass der Kampf um den Sieg zugunsten Zunkers kippte.
Fast etwas unter ging dabei die zweite große Aufholjagd des Abends, und die ging auch an Audi. Rolando Tejeda war von Startplatz 15 ins Rennen gegangen und damit sogar noch drei Positionen weiter hinten als Teamkollege Zunker.
Der Audi-Pilot setzte ebenfalls auf einen Stopp und arbeitete sich Stück für Stück durch das Feld. In Runde 18 absolvierte er seinen einzigen Reifenwechsel, am Ende stand Rang sechs. Nach dem Ausfall von Spa waren die zehn Punkte nicht nur wichtige Schadensbegrenzung, sondern komplettierten zugleich einen starken Audi-Abend.
Hinter Tejeda musste sich Bastian Boll mit Rang sieben begnügen. Peter Hristov brachte den einzigen Ferrari auf Position acht ins Ziel. Ohne Teamkollege Engelsiepen fehlte der Scuderia an diesem Abend allerdings die Geschwindigkeit, um ernsthaft in den Kampf um die vorderen Positionen einzugreifen.
Christian Boll landete exakt dort, wo sein Rennen begonnen hatte: auf Platz neun. Damit folgte der Mercedes-Pilot zwei Positionen hinter Sohn Bastian ins Ziel.
Andre Priebe komplettierte nach seinem Dreher am ersten Bremspunkt eine bemerkenswerte Aufholfahrt. Zwischenzeitlich Letzter, anschließend mit einem extrem langen ersten Stint sogar kurz auf Platz vier und nach seinem Stopp wieder zurückgefallen, rettete der Red-Bull-Pilot am Ende noch Rang zehn und damit wichtige Punkte für das RedBull-Team.
Eine Runde hinter dem Sieger führte Benjamin Nakov die restlichen Zielankömmlinge an. Sein außerplanmäßiger früher Stopp hatte ein besseres Resultat verhindert, Rang elf brachte dem APX-GP-Piloten aber immerhin fünf Zähler.
Kenneth Ragland ging strategisch einen ungewöhnlichen Weg. Nach seinem frühen Zwischenfall war er der einzige Fahrer, der im Rennen auf die harte Reifenmischung wechselte. Medium, Hard und anschließend wieder Medium lautete seine Reifenfolge auf dem Weg zu Platz zwölf.
Thomas Langner, der wie Stefan Schubert auf Hard ins Rennen gegangen war, sah die Zielflagge auf Rang 13. Schubert folgte nach seinem Aufhängungsschaden und dem damit verbundenen Reparaturstopp als 14.
Für Daniel Böhme endete ein vielversprechend gestarteter Abend dagegen vorzeitig. Nach dem Aufhängungsschaden in Runde 13 und insgesamt drei Boxenstopps machte in Runde 32 schließlich der Motor endgültig Schluss. Der Williams rollte aus – der einzige Ausfall des Rennens.
Für Zunker bedeutete der Sieg weit mehr als nur 25 Punkte. Da Kai Engelsiepen nach seinem gesundheitsbedingten Ausfall in Spa auch Monza auslassen musste, war bereits vor dem Start klar, dass sich im Titelkampf eine große Gelegenheit bot. Aus acht Punkten Rückstand wurden 17 Punkte Vorsprung. Mit nun 189 Zählern übernimmt der Titelverteidiger erstmals seit Silverstone die Führung in der Fahrerwertung vor Engelsiepen mit 172 Punkten. Stolp liegt nach seinem dritten Platz bei 168 Zählern und damit ebenfalls nur vier Punkte hinter dem Ferrari-Piloten.
Die nackte Tabelle erzählt allerdings nur einen Teil der Geschichte: Engelsiepen hat seine 172 Punkte in lediglich acht Rennen gesammelt. Seine beiden verpassten Läufe haben den Titelkampf grundlegend verändert – sportlich entschieden ist damit noch überhaupt nichts.
Dahinter bleibt Bastian Boll auf Rang vier vor Peter Hristov. Johann Asanger festigt mit seinem vierten Platz die sechste Position, während Philipp Kruse den größten Sprung macht. Zwei zweite Plätze in Folge bringen ihn auf 79 Punkte und vorbei an Rolando Tejeda und Christian Boll auf Rang sieben.
Rennergebnis, WM-Stand und Live-Stream
Der WM-Stand ist hier zu finden
Falls ihr das Rennen verpasst habt könnt ihr den Stream hier nochmal angucken:
