Track the limits – Start-Chaos und Cut-Festival bei Zunkers fünftem Saisonsieg

Start-Chaos in Kurve 1, Überschläge, Dreher und ein wahres Cut-Festival prägten den turbulenten Nachtrenn-Abend von Jeddah. Zwischen Startcrash, mehrfachen Durchfahrtsstrafen und Track-Limit-Verstößen wechselten die Positionen fast im Minutentakt. Pole-Setter Kai Engelsiepen, Haas-Pilot Bastian Boll und Mercedes-Fahrer Philipp Kruse mussten ihre Siegträume allesamt auf der Strecke begraben. Profiteure der Fehlerorgie waren vor allem die konstant fahrenden Andreas Fischer und Christian Boll, die sich mit starken Resultaten belohnten. Gleichzeitig rückte das Feld in Fahrer- und Teamwertung vor dem Finale in Abu Dhabi noch enger zusammen – bei Tobias Zunkers fünftem Saisonsieg als Rahmenhandlung.


Nach dem Rennabend von Interlagos hatte Tobias Zunker seinen zweiten WM-Titel zwar schon in der Tasche, doch von Zurückhaltung war beim Alpine-Piloten nichts zu sehen. Von Startplatz vier weg sortierte er sich zunächst im Spitzenpulk ein und lauerte hinter dem führenden Haas von Bastian Boll und Polesetter Kai Engelsiepen im Ferrari. In Runde 11 schnappte er sich Engelsiepen und rückte damit in die direkte Verfolgerrolle hinter Boll vor.

Der Haas-Pilot kontrollierte bis dahin über weite Strecken das Tempo, geriet jedoch immer stärker unter Druck – nicht nur von den Gegnern, sondern auch von der Strecke selbst. Ein Track-Limit-Verstoß brachte schließlich die Wende: Boll musste verlangsamen und verlor dabei nicht nur die Führung, sondern gleich drei Positionen an Zunker, Engelsiepen und den Mercedes von Philipp Kruse. Es war der Auftakt zu einem Rennabend, der für den schnellen Haas-Fahrer zum Nerven- und Strafmarathon werden sollte.

Kai Engelsiepen erlebte unterdessen einen jener Abende, an denen das nackte Ergebnis recht wenig von der Dramatik des Rennens erzählt. Von der Pole aus gestartet, geriet der Ferrari-Pilot früh in die Wirren des Rennens: Das mutige Wiedereinfädeln von Boll nach dessen Zeitverlust kostete Engelsiepen nicht nur Rhythmus und Zeit, sondern auch kurzzeitig die Position gegen Philipp Kruse. Zwar konnte er mit einem Under-Cut gegen Zunker wieder an den frischgebackenen Weltmeister heranrücken, weitere Zwischenfälle und Zeitverluste vor allem beim Überrunden warfen ihn aber endgültig aus dem Kampf um den Sieg – der zweite Platz im Ziel bedeutete aber zumindest die Rückeroberung von Rang zwei in der Fahrerwertung.

Hinter den großen Geschichten von Strafen und verpassten Chancen fuhren zwei Piloten ein nahezu perfektes „Under-the-Radar“-Rennen: Andreas Fischer und Christian Boll. Fischer belohnte sich mit Platz drei für einen abgeklärten Auftritt ohne nennenswerte Ausrutscher und feierte nach Baku sein zweites Podium der Saison. Direkt dahinter kam Christian Boll auf Rang vier ins Ziel – ebenfalls das Resultat eines unaufgeregten, aber äußerst sauberen Rennens, in dem er vom Fehlerfestival vieler Konkurrenten profitierte. Bezeichnend allerdings, dass auch der zweite Haas-Pilot seinen dritten Platz an die Track-Limits verloren und womöglich ebenfalls an einer Überrundung verloren hat.

Für Bastian Boll hingegen wurde Jeddah zur Lehrstunde in Sachen Geduld. Nachdem er die erste kritische Szene mit Engelsiepen und Kruse noch ohne Strafe überstanden hatte, häuften sich im weiteren Verlauf die Vergehen. Zunächst kassierte er eine Durchfahrtstrafe, als er den nach Mauerkontakt flügellosen Mercedes von Philipp Kruse etwas zu beherzt und knapp außerhalb der Streckenbegrenzung überholte. Spät im Rennen folgte eine zweite Durchfahrt, als Boll beim Versuch, noch einmal Richtung Podium anzugreifen, erneut über das Limit hinausschoss. Platz fünf war angesichts des langen Rennverlaufs an der Spitze sicher eine Enttäuschung – auch wenn der Shooting-Star der Saison sich damit zumindest die Chance bewahrte, die Meisterschaft am Ende noch auf Gesamtrang vier abzuschließen.

Nicht minder durchwachsen verlief der Abend für Philipp Kruse. Zwischenzeitlich als ernstzunehmender Podiumskandidat unterwegs und kurzzeitig sogar auf Rang zwei, zerstörte ein Mauerkuss samt Frontflügelverlust seine Ambitionen. Der dadurch erzwungene Reparaturstopp warf den Mercedes-Piloten bis auf Platz neun zurück, von wo aus er sich immerhin noch einmal nach vorne arbeiten konnte – am Ende stand Rang sechs zu Buche.

Hinter den Spitzenplätzen spielte Konstanz die Hauptrolle: Johann Asanger hielt sich aus den ganz großen Scharmützeln weitgehend heraus. Abgesehen von einigen sehenswerten Zweikämpfen mit Andreas Fischer absolvierte er einen unauffälligen, aber effektiven Rennabend und wurde dafür mit Platz sieben belohnt. Direkt dahinter landete Jürgen Bechtel im Williams auf Rang acht. Der Vorjahreszweite hatte sich nach einem frühen Dreher, der ihn ans Ende des Feldes zurückwarf, bereits von einer Wiederholung des Podiumscoups verabschieden müssen. Seine Aufholjagd in die Punkte stellte dennoch eine respektable Leistung dar.

Ein Abend voller Licht und Schatten war es auch für Rolando Tejeda. Der Alpine-Pilot war in den heftigen Startunfall verwickelt, leistete sich im weiteren Rennen mehrere Dreher und musste zusätzlich eine Durchfahrtsstrafe absitzen. Mehr als Platz neun war unter diesen Umständen nicht drin – dennoch blieben für ihn wichtige Zähler im Kampf um die Top-Positionen der Fahrerwertung. Die Top 10 komplettierte Gert Wickom im zweiten Racing Bull, der sich mit einem ruhigen, kontrollierten Rennen aus dem gröbsten Chaos heraushielt und sich so seinen Punkt sicherte.

Hinter den Punkterängen profitierte zunächst vor allem Jörn Dreier vom Start-Chaos. Als einer der großen Gewinner des Unfalls in der Anfangsphase lag er lange stabil auf Position acht, bevor auch ihm eine Durchfahrtstrafe den Rennabend deutlich erschwerte. Am Ende gelang es ihm immerhin, den McLaren von Daniel Böhme hinter sich zu halten. Böhme hatte an diesem Abend das Pech förmlich gepachtet: Bereits beim Start wurde er zunächst von Stefan Schubert getroffen, ehe der Aston Martin und der Alpine von Tejeda ihn regelrecht in die Zange nahmen – der McLaren wurde in einen spektakulären Überschlag geschickt, der das Rennen für Böhme von Beginn an zu einer reinen Schadensbegrenzung machte.

Zwischen den beiden Sauber-Piloten Kenneth Ragland und Thomas Langner fand sich schließlich Dreiers Teamkollege Stefan Schubert wieder. Die beiden Sauber „rahmten“ den Aston-Martin-Piloten auf Platz 14 ein und komplettierten damit das hintere Mittelfeld. Gar nicht erst bis zur Zielflagge schaffte es der zweite Ferrari von Peter Hristov: Nach einem bereits schwierigen Abend in Interlagos erwischte es ihn in Jeddah noch schlimmer: Ein Elektrikdefekt in Runde 26 besiegelte seinen zweiten Rabenschwarzen Rennabend in Folge.

In der Teamwertung sorgte das Ergebnis von Jeddah für alles andere als geklärte Fronten vor dem Saisonfinale. Um jede einzelne Position ist noch Musik drin. Alpine reist mit einem Vorsprung von 13 Punkten auf Ferrari nach Abu Dhabi und hat den Konstrukteurstitel damit in eigener Hand. Haas nutzte das solide Abschneiden trotz Bolls verpasstem Podium, um McLaren auf Rang vier zu verdrängen. Dahinter geht es extrem eng zu: Sauber und Racing Bulls liegen punktgleich im Duell um Platz fünf, Williams und Red Bull sind im Kampf um Rang sieben durch lediglich einen Zähler getrennt. Und selbst das Ende der Tabelle bleibt spannend – Aston Martin und Mercedes streiten mit nur vier Punkten Differenz darum, wer die rote Laterne am Ende der Saison abgibt.

Auch in der Fahrerwertung ist der letzte Akt der Saison alles andere als Kür. Vor allem der Kampf um Platz vier verspricht dort noch reichlich Brisanz. Aktuell hat Lars Meisen diese Position inne, doch Rolando Tejeda und Bastian Boll lauern jeweils nur einen Punkt dahinter. Selbst Andreas Fischer besitzt nach seinem Podium in Jeddah noch theoretische Chancen, in dieses Duell einzugreifen.

Wir sehen uns am 12.12.25 in Abu Dhabi zum finalen Rennen der Saison 2025 wieder.

Rennergebnis, WM-Stand und Live-Stream

Der WM-Stand ist hier zu finden

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